Ab heute wird zurückassimiliert!

12 Februar, 2008

Am Sonntag sprach der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor 16.000 Türken und türkischstämmigen Deutschen in der Köln-Arena. Gemäß der Pressemeldung der türkischen Regierung distanzierte er sich in seiner Rede von Hass und Gewalt und

…bestärkte seine Zuhörer, die eigene Kultur, Religion und Identität zu bewahren, so wie sie es seit 47 Jahren in Deutschland getan hätten. Assimilierung sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Gleichwohl rief er die Türken auf, sich in Deutschland zu integrieren. Sie seien nicht vorübergehend hier. Deshalb sollten sie natürlich Türkisch lernen, aber ebenso Deutsch und andere Fremdsprachen. Auch in der Politik sollten sie mehr Einfluss nehmen. Die etwa fünf Millionen Türken in Europa außerhalb der Türkei „seien ein konstitutionelles Element und nicht nur Gäste“.

http://www.byegm.gov.tr/yayinlarimiz/tages/alm2008/02/08x02x11.htm#0

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein türkischer Ministerpräsident sich so vehement gegen „Assimilierung“ ausspricht, spannender ist allerdings die Reaktion seiner ebenfalls konservativen deutschen Kollegen: Mit wenigen Ausnahmen wurde mal wieder der Untergang des Abendlandes prophezeit und, weil es anscheinend irgendwie dazu passt, auch gleich der geplante EU-Beitritt der Türkei kritisiert.

Außerdem wurde Erdogans Show als Einmischung in die Innenpolitik ettikettiert, auch wenn wahrscheinlich keiner dieser Politiker ein Problem damit hätte, eine ähnliche Rede, sagen wir mal auf Mallorca zu halten. Aber weder in der Politik noch in den etablierten Medien kommt anscheinend jemand auf die Idee, sich bei diesem Thema mal an die eigene Nase zu fassen, das tun glücklicherweise Andere.

Was immer mensch von Erdogans Aussagen halten mag, Fakt ist, dass in diesem Land 2,4 Millionen Personen mit türkischem Migrationshintergrund leben, diese Menschen werden nicht zurück in die Türkei gehen und sie werden auch nicht von heute auf morgen ihre Identiät aufgeben. Ob es einem gefällt oder nicht, diese Gesellschaft wird sich dadurch ändern. Dabei geht es nicht um Schlagworte wie Assimilation oder Integration sondern konkret darum, wie Menschen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen miteinander leben wollen. Das türkische und deutsche Politiker bei diesem Thema immer wieder ihr nationalistisches Süppchen kochen müssen, ist für die Diskussion dabei nicht hilfreich.

Aber vielleicht geht es hier in Wirklichkeit ja um eine Art Schwanzvergleich zwischen Politikern, Erdogans Kritiker würden es wahrscheinlich nicht mal zusammen schaffen, 16,000 Menschen in ein Stadion zu bekommen…

Nachtrag: Die komplette Rede findet sich übrigens hier